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Corona-Beirat der Thüringer Landesregierung übergibt Herbst-Empfehlungen an das Kabinett / Veränderte Risikobewertung erfordert Strategiewechsel

103/2021
Erstellt von Thüringer Staatskanzlei

Der von der Thüringer Landesregierung eingerichtete Wissenschaftliche Beirat zum SARS-2/CoVID-19-Pandemie- und Pandemiefolgenmanagement hat auf Bitten der Landesregierung seine "Herbst-Empfehlungen" vorgelegt. Die Vorsitzende des Beirates, PD Dr. Dr. Petra Dickmann (Uniklinik Jena), hat diese Empfehlungen in der gestrigen Kabinettsitzung erläutert.

In seiner Stellungnahme, die die Entwicklung der Pandemie und den aktuellen Stand der Forschung berücksichtigt, geht der Beirat von Folgendem aus: Die vierte Welle hat begonnen – die Pandemie ist noch nicht vorbei. Aber durch die Impfungen sind Risikopatienten und die übrige Bevölkerung besser geschützt, das Gesundheitssystem ist nicht länger an der Belastungsgrenze. Dank des Impffortschritts ist im Herbst nicht mit der in der zweiten und dritten Welle aufgetretenen Belastung des Gesundheitswesens zu rechnen. Außerdem können die mittelfristigen Folgen der Pandemie und des Pandemiemanagements besser beurteilt werden. Eine wichtige Konsequenz ist, dass die psychosozialen Effekte der Pandemie und des Pandemiemanagements – insbesondere, aber nicht nur bei Kindern und Jugendlichen – bei der Abwägung über die zu treffenden Pandemiebekämpfungsmaßnahmen stärker zu berücksichtigen sind.

Dadurch hat sich die Risikobewertung geändert.

Die Vorsitzende des Beirates, PD Dr. Dr. Petra Dickmann, führt dazu aus: „Mit der zunehmenden Verfügbarkeit der Impfungen und einer steigenden Impfquote ist eine neue Situation entstanden. Wesentliche Ziele des Pandemiemanagements – nämlich der Schutz derjenigen, die bei einer Infektion ein Risiko haben, schwer zu erkranken oder gar zu versterben, und dieser Situation schutzlos gegenüberstehen, sowie die Verhinderung der Überlastung des Gesundheitswesens – können zukünftig mit weniger einschneidenden Schutzmaßnahmen erreicht werden.“

Der Beirat hält insbesondere ein Umdenken im Kindergarten- und Schulbereich für notwendig. „Kindergärten und Schulen sind nicht die Orte für Maßnahmen zum Schutz der vulnerablen Gruppen. Generelle Einschränkungen des Schulbetriebs stehen nicht im Verhältnis zur Bedeutung des Infektionsschutzes für Kinder und Jugendliche und ihrer Rolle für den Infektionsschutz der Erwachsenen“, stellt PD Dr. Dr. Dickmann klar. "Das Risiko für Kinder, nach einer Infektion schwer zu erkranken, ist relativ gering. Auf der anderen Seite hat sich gezeigt, dass die pandemiebedingten Einschränkungen bei Kindergärten und Schulen die Ungleichheiten im Bildungsniveau und bei der gesellschaftlichen Teilhabe verstärkt und dem Wohl der Kinder in vielen Fällen geschadet haben“, so Dickmann.  

Da zum Schuljahresbeginn mit einer hohen Inzidenz bei nicht-geimpften Personen zu rechnen ist, sollte insbesondere bei Beschäftigten in Schulen und Kindergärten für die Impfung geworben werden. Die AHA-Regeln sollten von Beginn des Schuljahres an systematisch umgesetzt werden. Das Masketragen in Schulen und Kindergärten ist eine sinnvolle Maßnahme, um das generelle Infektionsrisiko zu senken. Außerdem sind weitere kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen zur Infektionsvermeidung geboten.

Der Wissenschaftliche Beirat stellt eine Kontroverse bei der Beurteilung der Rolle der Schulen und einer Testroutine fest. Während eine Seite fordert, aufgrund der asymptomatischen Verläufe und der sehr geringen Krankheitslast bei Kindern und Jugendlichen vom Testen abzusehen, betont die andere Seite die Bedeutung von regelmäßigen Tests als Möglichkeit, ein besseres Bild über das Infektionsgeschehen zu bekommen und ggf. Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Aufgrund dieser Kontroverse empfiehlt der Beirat, den Testansatz an das Infektionsgeschehen zu koppeln.

Der Beirat weist darauf hin, dass sich die derzeitige Einschätzung u.a. mit dem Auftreten von neuen Virusvarianten ändern kann. Daher ist jetzt mit einem tragfähigen Konzept sicherzustellen, wie schulischer Präsenzunterricht und die Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindertageseinrichtungen personell, technisch und räumlich auch unter der Bedingung eines erhöhten Infektionsrisikos aufrechterhalten werden können. Um die Folgen der Schließungen und Einschränkungen im Betrieb von Kindergärten und Schulen seit März 2020 zu kompensieren, spricht sich der Beirat dafür aus, chancenausgleichende und nicht stigmatisierende Förderangebote bereitzustellen.

Weiterhin empfiehlt der Beirat, die ausschließliche Anknüpfung an die Sieben-Tages-Inzidenz für beschränkende Maßnahmen zum Infektionsschutz durch eine multifaktorielle Anknüpfung zu ersetzen und die aktuell defizitäre Datenlage zu verbessern. Daten zu Infektionen, Hospitalisierungen, ITS-Belegungen, Impfungen (regional und nach Altersgruppen) sowie zu allen Testanlässen (Bürgertests, Screening-Tests, etc.) sollten systematisch erhoben und für die Wissenschaft zugänglich sein. Ebenso geboten ist die Einrichtung von Registern zur Hospitalisierung von COVID-19-Patientinnen und -Patienten. Schließlich bedarf es der Einführung eines Registers für Long-COVID-Erkrankungen, das auch den ambulanten Bereich (Allgemeinmedizin, Pädiatrie, Neurologie, Innere/Rheumatologie, Psychologie/Psychotherapie) erfasst, und eines Registers für Quantifizierungen der unbeabsichtigten Folgeeffekte des Pandemiemanagements (der sog. „Kollateralschäden“) im psychosozialen Bereich.

Der Beirat betont die Schlüsselrolle der Impfungen für die Pandemiebekämpfung. Er empfiehlt niedrigschwellige Angebote - z.B. mobile Impfangebote an Orten mit bisher niedriger Impfquote, die eine Impfung ohne Voranmeldung ermöglichen - und deutliche Anreize für Geimpfte, insbesondere durch die verfassungsrechtlich ohnehin gebotene größtmögliche Aufhebung von Beschränkungen für Geimpfte. Außerdem empfiehlt der Beirat ein strategisches Impfkonzept, auf dessen Grundlage aus Informationen zum Infektionsgeschehen und Impfverhalten Risikobewertungen erstellt und systematisch Maßnahmen zur Erhöhung der Impfquote ergriffen werden können.

Der Beirat wird die weitere Pandemieentwicklung intensiv beobachten und seine Empfehlungen Ende August ggf. aktualisieren. Die vollständigen Herbst-Empfehlungen sind auf der Website des Beirates unter https://www.landesregierung-thueringen.de/regierung/wissenschaftlicher-beirat abrufbar.

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